Das District Six Museum – ein Ort der sozialen Innovation

Dieser Text entstand im Rahmen einer Gruppenarbeit dreier Studierender im Proseminar „Innovationen aus Afrika“, HS 2017

Ein Museum und Alltagsinnovationen

Image: https://d6mwhatson.files.wordpress.com/2014/12/dsc_0034-mid.jpg (21.09.2016)

Das District Six Museum (D6M) in Kapstadt (Südafrika) kann auf unterschiedlichen Ebenen als innovativ bezeichnet werden. Beispielsweise bezeichnet es sich selbst als Museum, wobei die Dispositionen, mit welchen das Museums-Team arbeitet, wenig an traditionelle Museumspraktiken erinnern. Die Besucher bestaunen nicht bloss Objekte, welche sich streng hinter Glasscheiben befinden und von Archäologen oder Historikern ausgegraben und interpretiert wurden. Die ausgestellten Objekte stammen nämlich von Bewohnern des ehemaligen Viertels und beschreiben ihre Sicht auf den einstigen Lebensraum im D6M. Das interaktive Museumsklima ist ebenfalls eher eine Methode der modernen Wissensvermittlung an Museen. Unter anderem sorgen diese und verschiedene weitere soziokulturelle Eigenschaften dafür, dass das District Six Museum zu einem Ort der Geschichtsvermittlung und auch der Geschichtsschreibung wurde.

Was bedeutet «Innovation» oder «innovativ» nun im Kontext des D6M? Zunächst interessiert uns besonders der Innovationsbegriff von Clapperton Chakanetsa Mavhunga. Seine Art, sich mit Innovation auseinanderzusetzen ist jedoch ziemlich breit gefasst. Ist in Europa von Innovation die Rede, denken die meisten an eine Neuheit und technologischen Fortschritt. In seinen Texten macht Mavhunga jedoch deutlich, dass diese Ansichtsweise zwar nicht falsch ist, jedoch kaum Raum für Innovationen ausserhalb des technischen Sektors lässt. Für ihn ist Innovation beispielsweise etwas, das einen Alltag, eine Arbeit, ein Denken, ein Handeln oder eine Gewohnheit verändert. Dabei muss die Innovation keineswegs eine Neuheit sein oder physisch existieren. Es reicht, wenn sich mit vorhandenen Gegenständen ein neues Gebrauchsverhalten entwickelt oder neue Kontexte geschaffen werden. Nicht physische Innovationen, wie zum Beispiel veränderte Arbeitsprozesse, können daher auch dazu führen, dass selbst die dadurch neu geschaffenen Situationen als innovativ gesehen werden.

Besonders in Bezug auf den afrikanischen Kontinent, sieht er überall im Alltag Innovationen. Wenn einem Lastwagenfahrer beispielsweise während seiner Fahrt das Benzin ausgeht und er zuerst zu einer Tankstelle laufen muss, um einen Kanister Benzin für seinen Lastwagen aufzufüllen, so bezeichnet Mavhunga bereits den Akt des Gehens als innovativ. Zu einer Tankstelle zu gehen ist in dieser Situation etwas notwendiges, das jedoch nicht in den vorherigen Kontext passt, da der Lastwagenchauffeur eigentlich fahrend unterwegs war. Es entstehen also oft Innovationen aus notdürftigen oder lebensbedrohlichen Situationen. In lebensbedrohlichen Situationen kreieren die Betroffenen durch ihren Einfallsreichtum und Kreativität verbesserte Voraussetzungen, um das Überleben zu sichern.  Mavhunga nennt Innovation auf dem afrikanischen Kontinent deshalb auch “the art of survival” (Mavhunga 2014: S. 1).

Für das D6M ist dieser Innovationsbegriff sehr interessant, da an diesem Ort der Geschichtsschreibung und -erinnerung hauptsächlich mit alltäglichen Gegenständen gearbeitet wird. Einen innovativen Charakter erhält das Museum dadurch, dass ehemalige Bewohner des Stadtteils ihre eigene Geschichte mithilfe von persönlichen Gegenständen mit der Allgemeinheit teilen können und somit viele, sehr subjektive Geschichten ein Ereignis aus der Vergangenheit erzählen.

In klassischen Museen versuchen Kuratoren geschichtliche Ereignisse zu für spätere Generationen zugänglich zu machen. Das europäische Konzept von Museen hat besonders in Südafrika einen historisch bitteren Nachgeschmack, da frühe Museen in Südafrika dazu da waren, das (dem Europäer) exotisch Fremde auszustellen. Ausserdem wurden Gegenständen im Kontext des Museums zum Teil ihrer ursprünglich-traditionellen Identität enteignet. Durch seine partizipative Museumspädagogik ermöglicht das D6M eine Umkontextualisierung des Museumskonzeptes und steht für einen innovativen Umbruch in der südafrikanischen Geschichtsvermittlung.

Definition soziale Innovation

Um nun den von Mavhunga sehr breit gefassten Bedeutungsradius von Innovation etwas zu verengen, beschäftigen wir uns mit der Bedeutung der sozialen Innovation. Im Kontext des D6M ziehen wir den Begriff der sozialen Innovation- gemäss der Definition der Soziologin Dr. Katrin Gillwald- vor, weil das D6M eine soziale Funktion erfüllt und keinen ökonomischen Zweck verfolgt. In den folgenden Abschnitten erläutern wir anhand spezifischer Merkmale die soziale Innovation in Bezug auf das D6M und zeigen dabei seine Funktion für die Gesellschaft auf.

Mit einem Definitionsversuch aus einem Aufsatz von Katrin Gillwald möchten wir uns dem Begriff der sozialen Innovation annähern: “Soziale Innovationen sind, kurz gefasst, gesellschaftlich folgenreiche, vom vorher gewohnten Schema abweichende Regelungen von Tätigkeiten und Vorgehensweisen. Sie sind überall in gesellschaftlichen Systemen möglich, im Ergebnis Verhaltensänderungen und verwandt aber nicht gleich mit technischen Innovationen.”

Das D6M als Gemeinschaftsmuseum – ein soziales Projekt

Das D6M als Gemeinschaftsmuseum zeichnet sich grundlegend durch seine soziale Funktion aus. In erster Linie sieht sich das Museum selbst als Gemeinschaftsmuseum, das die ehemaligen Quartiersbewohnerinnen und -bewohner und ihre Erinnerungskultur anspricht, Menschen die ein gemeinsames Trauma erleidet und ein Kollektivbewusstsein geschaffen haben. Die Bemühungen des D6Ms, eine grosse Population einkommensschwacher Menschen, welche während der Apartheid rassistisch ausgegrenzt waren, wieder in das Zentrum der Stadt zu integrieren (insgesamt wurden 4000 Häuser auf dem verbleibenden freien Land gebaut), gilt als langfristiges Projekt des D6M und ist international bekannt. Die Entwicklungsanstrengungen des D6M – mit dem letztendlichen Ziel des Wiederaufbaus einer multikulturellen Gemeinschaft und damit eine normative Anleitung für das Zusammenleben in Südafrika voranzutreiben – sind daher als soziale Innovation zu verstehen.

Innovative Museumspädagogik

Die Museumspädagogik ist ein weiteres soziales Element und eine Innovation. Obwohl sich das D6M institutionalisiert hat, ist der historische Hintergrund und die heutige Funktion des D6M doch einzigartig. Da die Museumsmacher selbst ehemalige Bewohner des District Six sind, funktionieren sie als Zeitzeugen und sind somit Gegenstand historischer Untersuchungen. Diese Stellung der Museumsmacher und die Funktion der Bewohner sind für den Besucher in zweifacher Hinsicht wertvoll. Durch persönliche Gespräche mit Museumsleitern und Bewohnern erhalten die Museumsbesucher Einblicke in Einzelschicksale, was die Distanz zwischen Besucher und der Geschichte des District Six auflöst und gleichzeitig die Museumsbesucher in die Geschichte des D6M als historischen Bestandteil integriert.

How D6M makes for inspiration to other institutions

The innovative idea of presenting oral histories as a curatorial practice as well as community participation is representing a key feature of the D6M. For instance, in 2000 the D6M launched the Digging Deeper exhibition. Its main feature was the gathering of memories of the District Six ex-residents in form of texts extracts and audio excerpts. In this exhibition ex-residents were involved in the construction of the exhibition and were encouraged to write about their past in the District. The collection of interviews made to them were transcribed and transformed by curators in the form of narratives or poems and were displayed around the museum. The innovation here lies in presenting oral history into visual form. Besides, the active participation of the ex-residents played an important role as a source of knowledge production and served to make their stories visible to others. The idea to represent history in this way was innovative in many aspects. According to Jos Thorne, an architect and exhibition designer that worked in this exhibition, the museum has transformed into a theatre and the viewers have become performers in the recovery of their past. In this exhibition, participants have responded emotionally because they confronted with painful realities and this could serve as a catharsis. Furthermore, the exhibition has cut with stereotypes because it portrays different points of view.

Thus, due to its unique characteristic of staging history, the District six Museum has become an inspiration and role model for other exhibitions and projects of post-colonial museums in South Africa.

One example of the influence of the D6M is found in the exhibition project Usakos – Photographs beyond Ruins: the old location albums, 1920s-1960s. The original project which began in 2014 resulted in the development of a permanent exhibition in Usakos and two different mobile exhibitions. The thematic focus of the exhibition is about forced removals and personal photographic collections.

Image: www.namibiana.de/namibia-information/uploads/pics/usakos-photographs-beyond-ruins-old-location-9783905758597.jpg (25.1.2018)

This exhibition is based on photographs provided by old residents of Usakos, a small town in Namibia, and was designed by the photographer Paul Grendon and the curator Tina Smith from the D6M. The historical photographs showed not only the former prosperity of the town due to the importance of the railway workshops in the colonial era, but also contemporary photographs of the village. The exhibition is an example of community- based exhibition and was of great importance because it involved the community of Usakos, curators, scholars, practitioners of museum and students from three countries; South Africa, Namibia and Switzerland.

As we can observe, the community-based model innovated by the D6M has had an impact on other exhibitions. Furthermore, the model offered by D6M has not only inspired the community to build a museum and to put it in the centre as a heritage site of conscience, but also it has inspired in designing other kind of histories such as that that portrays a community in their struggle for land restitution.

Another example is the Cata Community Museum in Eastern Cape, South Africa.

Image: https://www.cata.org.za/the-community/heritage-trail-museum/ (25.1.2018)

In this case, the Cata community have reorganised themselves, after forced ‘betterment’ removals during the Apartheid, when the inhabitants had to abandon their villages and fields. The exhibition explains the land restitution process carried out from 1998 to 2000. These include «the history of workshop, advocacy, mass action as well as the resultant plans for development» (Thorne 2008: p. 156). Besides; the exhibition portrays aerial images of the removals areas, evidence of meetings, demonstrations, signed contracts and newspaper articles that testify the process. Another important characteristic of this museum is that it developed into an eco-museum. That is to say that the exhibition extended to the outdoors. Visitors can follow old footpaths along the area where the ruins of the abandoned houses are and can read the stories of displaced families posted in the site. There is also a toposcope that allows the visitor to gaze outwards to discover and to imaging the former homesteads before the displacement. According to Thorne, who worked in the staging of the museum, the main purpose of the Museum was not only to show the development of the process of land restitution but also « to spur on the restitution process for other communities across the Eastern Cape» (ibid. p. 156).

The innovative process that has taken place in post-Apartheid museums in Africa demonstrates the importance of including the former displaced community in its construction because in this way history is told from the actors’ point of view. Likewise, the fact of telling and recreating history in the same historical sites is a way to do justice to the community and in some way to “restore” the abuses that the state has committed in the past.