Egazini Outreach Project

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Bild 1: http://www.egazinioutreachproject.com (11.07.2016)

Einleitung

Das Egazini Outreach Projekt umfasst Kunst, Kultur und erhaltenswertes Kulturerbe. Das Gebäude liegt in einer ehemaligen Polizeistation aus der Zeit der Apartheid. Das Projekt ist eine Initiative, welches sich zum Ziel gesetzt hat, durch diverse Mittel der Erinnerungsarbeit grössere Selbstwertschätzung und sozialer Zusammenhang zu fördern. Die Gründer der Initiative Julia Wells und Kunsthistoriker Dominc Thorburn – beide an der lokalen Rhodes University – ist es Student_innen und Akademiker_innen ihre Vision weiterzugeben und auch Tourist_innen zu zeigen, dass mit Kunst die Vergangenheit aufgearbeitet werden kann. Leider ist es enttäuschend, dass dieses bemerkenswerte Kulturerbe teilweise noch immer als Makhandas grösstes Geheimnis gilt. Wenn man die lokalen Tourismusmateriale durchsucht, fällt auf, dass das Egazini Outreach Project nur wenig erwähnt wird. Während die Strasse nach Makhanda voll mit Markierungen sind, welche die Touristen informieren, dass sie gerade in ein Frontier Country Territorium eintreten, gibt es kein einziges Schild, welches das historische Schlachtfeld oder das Egazini Project indizieren. In einer Stadt, wo wirtschaftliche Armut und Arbeitslosigkeit herrscht, ist die Willenskraft, welche Thorburn und Wells zusammen mit der lokalen Gemeinschaft an den Tag legen, um das Projekt zu managen, lobenswert. Trotzdem könnte das Projekt noch grösser werden, wenn die lokalen Einwohner von Makhanda Stolz auf die Entwicklungen des Projektes wären und es sich zu Nutzen machen würden, um Touristen darauf aufmerksam zu machen. Es ist ihr Blut und ihr Schweiss, welche die brutale Geschichte dieses Gebäudes überschattet und es mit Inspiration, Kreativität und Produktivität färbt. Für die Bewohner von Makhanda ist das Projekt ein lebendiger Beweis dafür, wie weit alle in ihrer Reise gekommen sind, um die Vergangenheit mit der Gegenwart zu versöhnen.

In dieser Arbeit werden wir die Vor- und Nachteile aufführen, sowie weitere Aspekte des Projektes beleuchten. Schliesslich werden wir unsere Vorstellungen über die Zukunftsmöglichkeiten des Egazini Outreach-Projekt kurz ausführen: die neue Generation von Akademiker_innen und Student_innen der Rhodes University sollten fähig sein den Wert der Vision von Thorburn und Wells zu sehen.

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Bild 2: http://www.egazinioutreachproject.com (11.07.2016)

Kritische Betrachtung des Egazini Outreach Projekts

Es gibt viele verschiedene Betrachtungsweisen des „Egazini Outreach Projekts“. Das Projekt bietet den Menschen in Grahamstown eine Arbeit und birgt daher grosses soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital. Dies wird ersichtlich als Mbuleli Mpokela uns erzählt wieso er Tourguide geworden ist: „Ich wollte etwas zum Projekt beisteuern, hatte jedoch nicht die finanziellen Möglichkeiten etwas zu spenden.“[1] Durch seine Arbeit als Tourguide, zusätzlich zu seinem Job als Bibliothekar an der Rhodes Universität, verdient Mbuleli nicht nur durch den Touristenstrom, er bringt den Familien, die mit dem Projekt zusammenarbeiten auch Einkünfte ein, indem er die Touristen zu diesen Familien führt. Wie Leiter des National Arts Festivals Ismail Mahomed sagt: “In a city that is rife with economic impoverishment and unemployment, the skills that Thorburn and Wells have invested with the local community members who manage the Egazini Outreach Project is commendable.”[2] In den Worten Mbulelis: „Die Leute müssen jetzt nicht nur den ganzen Tag auf die Ausgabe von Suppen warten, sondern können sich durch das Erschaffen von Verkaufsgegenständen eine Einkommensquelle erschaffen und die Zeit sinnvoll nutzen.”[3]
Doch wie ist dies möglich? Mbuleli geht mit den Touristen in seinem Rundgang durch die Townships von Grahamstown. Er führt die Touristen in die heruntergekommenen Häuser, teilweise ohne Strom und Wasser, um zu zeigen wie die Menschen dort leben. Die Bewohner sind bei diesem Rundgang anwesend und können ihre hergestellten Objekte den interessierten Besuchern anpreisen.

Mbuleli passt seine Touren, somit auch die Erzählweise, den Touristengruppen an. Je nach Interessen der Gruppe führt er sie an unterschiedliche Orte in Grahamstown und vermittelt so die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven. Das Projekt ermöglicht ausserdem Künstlern und Künstlerinnen ihre Werke in der ehemaligen Polizeiwache auszustellen, wobei beim Verkauf eines Ausstellungsobjekt 15 Prozent ans Projekt geht und der Rest gerecht auf die beteiligten Künstler und Künstlerinnen verteilt wird. Ein solches Projekt kann also durch die Kunst die es produziert und die Einnahmequellen die es generiert näher an die Gesellschaft gebunden sein als traditionelle geschichtsbearbeitende Institutionen, wie Museen. Es stellt, nach Julia Wells, eine neue Methode dar, die weiter als die konventionellen Geschichtsinformationen geht. Die Interpretierung durch die visuellen Künste führt zu neuen Hinterfragungen der Informationen und zu einer neuen Betrachtungsweise der Vergangenheit. Diese neugewonnenen Informationen kann man dann weiter bearbeiten.[4]

Ein weiterer Vorteil des Projekts ist, dass dieses Projekt sich mit den Xhosa und der Kolonialgeschichte weniger mit der Apartheid auseinandersetzt. Das Projekt versucht also zu vermitteln, wo sie herkommen und nicht nur eine Geschichte der Unterdrückung zu zeigen. Bei diesem Versuch stellen ihre Kulturen und „Heritages“ ein wichtiges Bindeglied dar, dass bei diesem Prozess ebenfalls den Menschen näher gebracht wird.[5] Das Wort „Outreach“ im Namen des Projektes zeigt, dass es versucht Leute zu erreichen und Mbuleli erklärt an wen sich das Wort und das Projekt richtet: „Es versucht sich an die jungen Leute zu richten, die nichts vom Kampf und von Makhanda wissen. Im Projekt versuchen wir ihnen die Geschichte von Grahamstown und woher sie kommen zu erläutern. Allerdings wollen wir ihnen zusätzlich vermitteln, dass sie die Briten nicht hassen sollen.“ Damit ist das Projekt sehr spezialisiert auf die Xhosa und die Legende des Makhandas. Sie betreiben also „reconcilliation“ auf einem anderen Pfad als die Museen die nur oder vorwiegend die Apartheid befassen. Während die traditionellen Museen die Urgeschichte der Einwohner vernachlässigen oder falsch darstellen, versuchen die Leute in Grahamstown ihre Geschichte zu verstehen. Sie möchten ihre Wurzeln in einen Kontext setzen, in welchem ihre Geschichte für die Gegenwart relevant ist. Dabei spielt aber auch die kleinere Zahl der Arbeitskräfte eine Rolle, daher befassen sie sich aber bewusst mit diesem Thema und nicht mit der Apartheid.[6] Das Projekt hat nicht genügend Arbeitskräfte, um sich weiteren Themen der Geschichte von Grahamstown zu widmen, also spezialisierten sie sich auf die Traditionen und Ursprünge der Xhosa-Identität.

Jedoch bringt die Zielgruppe der Jugendlichen nicht nur Vorteile mit sich. Sie können sich auch extrem negativ auf das Projekt auswirken. Die grösste Gefahr, die auch Mbuleli anspricht, ist das Desinteresse der Jungen an der Geschichte. Die Literatur spricht es nicht an, aber das Projekt steht vor dem aus. Falls die Jungen nicht in das Projekt integriert werden können und ihre Begeisterung dafür nicht aufflammt, bedeutet dies das Ende dieses aussergewöhnlichen Projekts. Eines der Gründe, die dafür verantwortlich sind, ist die hohe Arbeitslosenquote unter den jungen Menschen. Laut Statistiken beträgt sie im Land, für 15- bis 34-jährige, im Jahre 2014 61,2 Prozent.[7] Durch die fehlenden Perspektiven ist es für die junge Bevölkerung nicht wichtig über die Vergangenheit nachzudenken, sondern eher an die Gegenwart und Zukunft. Die Frage, wo sie ihre nächste Mahlzeit herbekommen, ist wichtiger als die Frage, woher sie ursprünglich stammen. Auch haben die jungen Leute wenig direkten Bezug zu den Traditionen und Mythen der Xhosa. Während im Gegenzug die Apartheid noch in der Erinnerung haften geblieben ist. Durch die fehlende Unterstützung der Jugend und der Alterung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Projektes kommt die Gefahr auf, dass niemand die Arbeit weiterführt, die vor über zehn Jahren begonnen wurde.

Ein weiterer Faktor, welcher sich negativ auf das Projekt auswirkt, ist die fehlende Unterstützung der lokalen Regierung. Im Gegensatz zum Western Cape, mit seinen lukrativen Industriestandorten, hat das Eastern Cape relativ wenig Einnahmequellen und daher nicht so viele finanzielle Mittel, um Projekte zu unterstützen. Wie Mohamed aufzeigt ist das Projekt, trotz der Attraktivität für Touristen, noch immer ein Geheimtipp, welcher für viele verborgen bleibt: „However, it is rather disappointing that this remarkable heritage and cultural initiative is still somehow regarded as Grahamstown’s most well kept secret. A search through local tourism materials gives the Egazini Outreach Project very scant mention.”[8] Durch eine verbesserte Zielführung der Touristen zum Projekt – unter dieser Zielführung muss man sich eine bessere Wegbeschreibung mit ersichtlichen Wegweisern vorstellen – könnte die Einnahmequellen erhöht werden und so würde das Projekt vielleicht attraktiver für junge Leute. Denn mit dieser Zielführung, welche unter den Aufgabenbereich der lokalen Regierung fällt, könnten möglicherweise mehr Arbeitsplatz ermöglicht werden. Bei diesem Vorhaben würden also die lokale Regierung sowie die junge Bevölkerung profitieren.

Fazit

Die Geschichtsreproduktion ist in Südafrika noch lange nicht abgeschlossen. Im Interview wurde klar, dass die junge Generation noch kein Interesse an ihrer Geschichte und Vergangenheit entwickelt hat. Das Projekt versucht zwar die Jungen zu integrieren, doch bis jetzt mit wenig Erfolg. Sie müssten ein Weg finden die Wurzeln, von der Mehrheit der dort ansässigen jungen Menschen, zum Leben zu erwecken. Der Schlüssel zum Erfolg, damit dieses Projekt in Zukunft weiter besteht und so Einkünfte generiert, ist auf jeden Fall die junge Generation. Die ältere Bevölkerung stirbt langsam weg und hat noch viel Arbeit vor sich. Einen weiteren Einfluss, den man hier nicht vergessen darf, ist die fehlende Zusammenarbeit mit der lokalen Regierung. Bei einem gemeinsamen Ziel könnten mehr Menschen davon profitieren und ein anderes Geschichtsverständnis entstehen.

Was in unserer Gruppe intensiv diskutiert wurde, ist die Frage nach der Geschichtsvermittlung. Zwar steht die Geschichte im Vordergrund, doch das Wesentliche an diesem Projekt ist das Ermöglichen von Einkünften für die Bevölkerung von Grahamstown. Mbuleli hat auf die Frage nach einem aktuellen Projekt nicht wirklich eine Antwort. Es ist somit nicht klar, an was das Projekt momentan arbeitet. Wie kann ein solches Projekt Geschichte sinnvoll vermitteln? Reicht das Verarbeiten von der Vergangenheit durch Kunstaktivitäten? Oder muss die Geschichtsvermittlung ein Inhalt wie in einem Museum präsentieren? Diese Frage konnten wir leider nicht zufriedenstellend beantworten.

Ein wichtiger positiver Punkt des eGazini Outreach Project ist der Aspekt mit der Auseinandersetzung von Geschichte. Die Menschen von Grahamstown befassen sich dank diesem Projekt auf unterschiedliche Weise mit ihrer Vergangenheit. Es wird nicht eine vorgefasste Meinung präsentiert, sondern die Bewohner sollen ihre eigene Ansicht der Geschichte ermitteln/ergründen und ausdrücken. Die lokale Geschichte ist sehr komplex und noch lange nicht vollständig aufgearbeitet.

Das eGazini Outreach Project befasst sich mit dem Thema der Geschichtsvermittlung, hat für die Xhosa sicherlich einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung ihrer Perspektive auf die Kolonialisierung geleistet und neue Wege in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eröffnet.

[1]     Mpokela, Mbuleli: 18.:18-19:15 (Aufnahme 2), 24.06.2016, unsere Übersetzung
[2]     Mahomed, Ismail: The blood of hope – Egazini turns ten years http://www.grocotts.co.za/content/blood-hope-egazini-turns-ten-years-18-12-2009 {28.04.2016}
[3]     Mpokela. Mbuleli: 19:17-19:42 (Aufnahme 2), 24.06.2016, unsere Übersetzung
[4]
Wells, Julia: Using Art and History to Construct Post Colonial Identity and Healing in the New South Africa. Rhodes University 2010. S.96

[5]
Minkely, Gary: ‚A fragile inheritor‘: The post-apartheid memorial complex, A.C. Jordan and the re-imagining of cultural heritage in the Eastern Cape. University of Western Cape 2008. S.33

[6]
Mpokela. Mbuleli: 4.40-4.50 (Aufnahme 2)

[7]
http://www.statssa.gov.za/wp-content/uploads/2016/04/QLFS_Fig5.png {29.04.216}

[8]
Mahomed, Ismail: The blood of hope – Egazini turns ten years http://www.grocotts.co.za/content/blood-hope-egazini-turns-ten-years-18-12-2009 {28.04.2016}

 

Literaturverzeichnis

Community Engagement von der Rhodes University. The Egazini Outreach Project. URL: https://www.ru.ac.za/media/rhodesuniversity/content/communityengagement/documents/History.pdf (15.04.2016).

Homepage Egazini Outreach Project. URL: http://www.egazinioutreachproject.com/ (15.04.2016).

Mahomed, Ismail: The blood of hope – Egazini turns ten years URL: http://www.grocotts.co.za/content/blood-hope-egazini-turns-ten-years-18-12-2009 (28.04.2016)

The expedition project. Project Partners: Egazini Arts Centre, Grahamstown. URL: http://theexpeditionproject.com/info/along-the-way/projects/1955-egazini-arts-centre-grahamstown (15.04.2016).

Literatur:

Minkely, Gary: ‘A fragile inheritor’: The post-apartheid memorial complex, A.C. Jordan and the re-imagining of cultural heritage in the Eastern Cape. University of Western Cape 2008.

Wells, Julia: Rebellion and Uproar: Makhanda and the Great Escape from Robben Island, 1820. Pretoria, 2007

Wells, Julia C: The Return of Makhanda. Exploring the Legend. Scotsville, 2012

Wells, Julia: Using Art and History to Construct Post Colonial Identity and Healing in the New South Africa. Rhodes University 2010.

Audiodatei:
Mpokela, Mbuleli: Aufnahme 1 (8.52-21.31), 24.04.2016