Facebook als historische Quelle – Quellenkritische Analyse anhand der ‘We love Lwandle Migrant Labour Museum’ – Gruppe

  1. Soziale Medien als historische Quellen

 

Formen der Selbstdarstellung sind schon länger wichtige Bestandteile aktiver Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur. Dieses Phänomen kann man beispielsweise an den Portraits und Münzprägungen Louis XIV. beobachten, welche am Hofe die Meinungen seiner Gefolgschaft über ihn aktiv zu beeinflussen versuchten.

Diese Form von Geschichtsschreibung wird noch heute praktiziert; mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Möglichkeiten der Selbstdarstellungsformen durch Social Media-Accounts einem viel breiteren Publikum zugänglich sind. Diese Plattformen ermöglichen es jedem_r mit einem Internetzugang sein/ihr Stück Geschichte aktiv mitzugestalten. Allgemein kann man argumentieren, dass im Web Geschichte inszeniert und präsentiert wird. Institutionen nutzen die Möglichkeit der aktiven Gestaltung von Geschichte; Social Media erlaubt z.B. Museen mit den Besuchern zu interagieren, was zu einem interessanten Austausch von Museum und dessen Publikum führt. Hierbei können die verschiedenen Plattformen und deren individuellen Stärken genutzt werden. Da sich für die Analyse von Geschichte und Erinnerungskultur im Bereich der sozialen Medien vor allem Twitter und Facebook eignen, liegt der Fokus von Burkhardts Essay auf diesen zwei Netzwerken. Dieses Essay wird sich auf Letzteres als eine Quelle stützen.

Die gegenseitige Wechselwirkung von Institution und Rezipient eröffnet neue Möglichkeiten der aktiven Beteiligung, welche vor allem von Teilen der jüngeren Bevölkerungsschichten positiv genutzt werden können. Burkhardt argumentiert in seinem Text, dass die Gewohnheiten bezüglich des Internetgebrauchs der Jugendlichen für den Zugang zu historischen Quellen gebraucht werden können. Das Internet bringt ein enormes Potential mit sich, welches genutzt werden sollte. Jedoch darf man nicht vergessen, dass sich dieses Feld konstant im Wandel befindet. Corey Slumkoski erwähnt in seinem Essay über „The Rise of Social Media“ die interessante Beobachtung, dass nur 13% der Doktorand_innen aus der Generation Y (diese umfasst alle Personen mit den Jahrgängen von 1982 bis 1994) angaben, an Diskussionen im Internet und auf sozialen Plattformen teilzunehmen. Dies zeigt, dass der Gebrauch des Internets ebenso einem Wandel unterliegt, da die nachfolgende Generation das Internet und die dort stattfindenden Kommunikationsprozesse als eine Selbstverständlichkeit ansieht – einer der Vorteile, auf welche im folgenden Abschnitt weiter eingegangen wird.

Im Zusammenhang mit dem Gebrauch des Internets ist der Begriff “Digital Humanities” wichtig zu erwähnen. Unter den Digital Humanities versteht man jegliche „Verwendung des Computers zur Aufbereitung, Analyse und Präsentation von Forschungsdaten in den Geisteswissenschaften“. Die Erkenntnis, dass es sich bei Social Media Accounts um Konstrukte der Selbstdarstellung handelt, erlaubt es, der mit dieser Form von Medien vertrauten Generation, komplexe Reflexionsverfahren der Geisteswissenschaften näher zu bringen, um so deren Verständnis zu erleichtern.

Des Weiteren ermöglicht die Digitalisierung verschiedenster Kulturgüter einen vereinfachten Zugang zu denselben. Zudem wird den Wissenschaftler/innen ermöglicht, komplexere Zusammenhänge im “big picture” erkennen zu können und dies obwohl das Internet auf den ersten Blick unorganisiert wirkt. Dennoch finden sich vor allem in den Sozialen Medien „[…] letztlich weit weniger chaotische als vielmehr systematische Kommunikationsprozesse“.

Trotz der Lobpreisung der Möglichkeiten bzw. des Potentials des Internets und der sozialen Medien sind sich einige der konsultierten Autoren einig, dass klassische bzw. analoge Quellen und die damit verbundenen Methoden nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Das Zusammenspiel beider Ansätze wäre lohnenswert. Die Mischform beider Methoden dient auch als Basis für dieses Essay; im letzten Abschnitt wird eine Quellenkritik, welche normalerweise im Zusammenhang mit literarischen Quellen gebraucht wird, auf das unkonventionelle Beispiel der Facebook-Gruppe “We love Lwandle Migrant Labour Museum” angewandt.

  1. Facebook-Posts als Quelle in der historischen Anthropologie

Der Vorteil von Facebook ist die leichte Bedienung und kostenlose Zugänglichkeit für alle mit Zugang zum Internet. Ciraj Rassool sieht dies im Bezug auf „memory work“ als wichtige Erneuerung, da Facebook in Südafrika eine Partizipation aller gesellschaftlichen Schichten und ethnischen Gruppierungen ermöglicht. Die Herausforderung für die Analyse ist die Fluidität der Einträge, die sich mehr verändern als Tagebucheinträge oder Selbstzeugnisse, die seit Jahrhunderten ebenfalls in Retrospektive verfasst und verändert wurden.

Als Ego-Dokumente werden Quellen, „die Auskunft über die Selbstsicht eines Menschen geben, vorwiegend und zunächst also autobiographische Texte“ verstanden. 1958 hat der holländische Historiker Jacob Presser Egodokumente als jene Texte beschrieben, in denen „der Autor uns etwas über sein persönliches Leben und seine Gefühle erzählt“, oder „ein ego sich absichtlich oder unabsichtlich enthüllt oder verbirgt.“ Ego-Dokumente beinhalten auch juristische Quellen oder Polizeiakten, in denen Menschen über ihr Tun Rechenschaft ablegen. Eine Untergattung sind die Selbstzeugnisse. „Chroniken, Haushaltsbücher, Tagebücher, Reisebeschreibungen, Briefe können, aber müssen nicht Selbstzeugnisse sein“. Für Benigna von Krusenstjern sind Selbstzeugnisse Quellen, in denen ein Individuum über sich selbst Auskunft gibt. In ihrem einschlägigen Artikel hat sie 1994 festgehalten, dass „sich Erscheinung und Bedeutung der verschiedenen Gattungen im Laufe von Jahrhunderten ändern“.

Die Forschungsrichtung der historischen Anthropologie, die sich Selbstzeugnissen und Egodokumenten widmet, hat sich im deutschsprachigen Raum, insbesondere auf Anregung von Frühneuzeithistoriker_innen entwickelt. Für diese spielten soziale Medien zur Erforschung vormoderner Menschen keine Rolle. Neue einschlägige Literatur über die Definition von Selbstzeugnissen oder Ego-Dokumente wird benötigt, welche die sozialen Medien in ihren Quellenkatalog aufnimmt.

Facebook-Profile oder einzelne Posts bergen großes Potenzial für die zeitgeschichtliche Forschung. Historiker_innen stehen aber vor der Herausforderung neue methodische Zugänge und Instrumentarien zu entwickeln, um diese quellenkritische analysieren zu können. Oder ist das gar nicht nötig und die heutigen Instrumentarien reichen dafür völlig aus? Ein Beispiel dafür folgt im nächsten Teil.

 

  1. Quellenkritik: “We love Lwandle Migrant Labour Museum” – Facebook-Gruppe

In diesem Kapitel soll die Facebook-Gruppe des Lwandle Migrant Labour Museums unter klassischen quellenkritischen Kriterien analysiert werden. Die spezielle Form dieser Quelle bringt hier natürlich einige Schwierigkeiten mit sich, was uns zum Teil auf untypische Methoden zurückgreifen lässt.

Mithilfe dieser Quellenkritik soll der Frage nachgegangen werden, was sich anhand dieser Facebook-Gruppe über die Arbeit des Museums, spezifisch dessen Geschichtsproduktionen, sagen lässt.

 

3.1. Äussere Quellenkritik

Einleitend sollte erwähnt werden, dass die Quelle noch immer in Entstehung ist und deshalb nicht als rein historische Quelle betrachtet werden kann. Dies ist ein typisches Charakteristikum der Social Media als bewegtes und nicht eingefrorenes Medium. Die Gruppe wird seit ihrer Gründung 2009 fortlaufend erweitert, deshalb wird bei dieser Quellenkritik eine Art Momentaufnahme (26.4.2016) aus der Geschichte der Gruppe angeschaut.

Die Entscheidung, was in der Quelle enthalten ist, liegt größtenteils bei den Administrator_innen der Gruppe (die Gründerin der Gruppe Architektin und Akademikerin Noëleen Murray, Kuratorin des Museums Masa Soko, Historiker Leslie Witz und ehemaliger Kurator Bongani Mgijima), was jenen eine Art Autorenfunktion zukommen lässt. Die Administrator_innen sind jedoch nicht alleinige Beitragende der Gruppe. Das Spezifische einer Facebook-Gruppe im Unterschied zu einer Facebook-Page besteht darin, dass alle Mitglieder sich beteiligen können. Die Museumskuratorin Masa Soko erklärt, weshalb sich die Administrator_innen bewusst für die Form einer Gruppe und nicht die einer Seite entschieden haben: „A group is more personal. People should post-up, voice-up, post anything that has to do with museums. It should be intimate.“ Die Quelle ist zwar ein “Dokument” einer offiziellen Institution, hat aber eine bestimmte persönliche Erscheinungsform, auch die Administratorinnen posten in ihrem eigenen Namen. Die Beiträge aller Mitglieder unterliegen jedoch der Kontrolle der Administrator_innen, welche wiederum von den Facebook-Administrator_innen kontrolliert werden. Auf verschiedenen Ebenen können also Mitgliederbeiträge beeinflusst werden.

Eine andere Schwierigkeit bei der Analyse dieser Quelle ist die Tatsache, dass das Format der Quelle sehr groß und weitläufig ist und diese wiederum aus verschiedensten “Unterquellen” besteht, welche man isoliert betrachten kann (einzelne Posts, Fotos, Videos, Verlinkungen).

Schlussendlich sollte noch beachtet werden, dass die Quelle im Moment noch gut lesbar ist, aber für die Zukunft all diese Online-Daten überhaupt nicht gesichert sind.

 

3.2. Innere Quellenkritik und Interpretation

Die Facebook-Gruppe ist fünfzehn Jahre nach dem Ende der Apartheid entstanden. Mit dem Aufkommen der Social Media taten sich neue Orte für Geschichtsproduktion und Kommemoration auf. Auch Museen müssen sich den technologischen Entwicklungen anpassen und ihre Form des rein Lokalen und Visuellen weiter öffnen.

Ist die Facebook-Gruppe nun Teil des Museums oder nur eine Seite, um sich über das Museum zu informieren? Im Unterschied zu der Website des Museums, bietet die Facebook-Seite weit mehr, als reine Information zum Museum. Die Gruppe ist eine Plattform für Diskussionen und Inputs und formt sogar das Museum teilweise mit. Es entsteht also eine Wechselwirkung zwischen der Facebook-Gruppe und dem Museum, beide beeinflussen sich gegenseitig. Sie Gruppe ist aber viel weniger institutionell und formell als das Museum. Die Facebook-Gruppe dient also keinesfalls als Ersatz für einen Besuch des Museums, hilft dem Museum jedoch, seinen Horizont zu erweitern und in Kontakt mit den Besuchern und Interessenten zu bleiben.

 

  1. Schlussfolgerungen

Diese Arbeit hat gezeigt welches Potenzial Facebook-Posts und Gruppen für die historische Analyse haben. Während der erste Teil Social Media innerhalb der Digital Humanities verortet hat, hat sich der zweite Teil mit Facebook-Posts als Selbstzeugnisse innerhalb der Forschungsrichtung der Historischen Anthropologie beschäftigt. Der dritte Teil hat schliesslich anhand des Beispiels der Lwandle Migrant Labour Museum Facebook Gruppe gezeigt, wie äussere und innere Quellenkritik und Interpretation auf Posts innerhalb der Gruppe angewendet werden können. Abschliessend lässt sich festhalten, dass die Facebook-Gruppe das Lwandle Museum in einem seiner Hauptziele unterstützt und zwar „to make sure that the museum is connected with its community.“

 

Bibliographie

Quellen

 

 

Literatur

 

  • Bolander, Brook, M. A. Locher, Constructing identity on Facebook: Report on a pilot study, in: K. Junod, D. Maillat (Hg.) Constructing the Self, Tübingen 2010, S. 165-185; M. A. Locher, B. Bolander, Relational work and the display of multilingualism in two Facebook groups, in: K. Bedijs, G. Held, C. Maaß  (Hg.), Face Work and Social Media. Münster 2014, S. 157-191.

 

  • Burkhardt, Hannes: Geschichte im Social Web. Geschichtsnarrative und Erinnerungsdiskurse auf Facebook und Twitter mit dem kulturwissenschaftlichen Medienbegriff „Medium des kollektiven Gedächtnisses“ analysieren. In: Alavi, Bettina/Bernhardt, Markus/Bühl-Gramer, Charlotte/Demantowsky, Marko und Hellmuth, Thomas (Hg.): Geschichtsdidaktische Studien Band 2. Berlin 2015, S. 99-114.
  • Benigna von Krusenstjern, Was sind Selbstzeugnisse? Begriffskritische und quellenkundliche Überlegungen anhand von Beispielen aus dem 17. Jahrhundert, Historische Anthropologie 2:3 (1994), S. 463.

 

  • Janndis, Fotis:. Digital Humanities. In: Informatik Spektrum 39 (2016), S. 155-160.
  • Richard van Dülmen: Historische Anthropologie. Entwicklung, Probleme, Aufgaben, 2., durchgesehene Auflage, Köln u. a. 2001.

 

  • Slumkoski, Corey: History on the Internet 2.0: The Rise of Social Media. In: Acadiensis 41 (2012), S. 153-162.

 

Internetresourcen

 

 

Sonstige

  • Proseminar “HerrscherInnen-Bilder; Selbstdarstellungsformen in der Frühen Neuzeit” mit Prof. Dr. Claudia Opitz Belakhal.