Traumabewältigung, Oral History und Transformation des District Six Museums

Einleitung

Der District Six befindet sich inmitten von Kapstadt. Aufgrund des Group Areas Act, Act No.41, von 1950 wurde er von 1968 bis 1982 von der Regierung durch Bulldozer gewaltsam brach gelegt. Im Jahre 1994 gründeten eine Gruppe von ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner des District Six das District Six Museum.

Es fungiert als Dreh- und Angelpunkt für die ehemaligen Bewohner des District Six, welche dort ihre Geschichten als eine Art Traumabewältigung einander erzählen können. Diese mündlichen Überlieferungen werden auch “Oral History” genannt. Anhand von Interviews werden sie dokumentiert und archiviert. Mitte April 2016 führte unsere Gruppe im Rahmen dieser Arbeit ein Skype-Interview mit Chrischené Julius durch. Sie lebt in Kapstadt, studierte Historical Studies an der UWC und begann ihre Arbeit am District Six Museum durch Prof. Ciraj Rassools Kontakte. Sie ist im Bereich “Collections Research and Documentation Department” tätig und interessiert sich besonders für Oral History.

 

Ausstellen von Erzählungen zur Trauma Bewältigung

Das erste Mal in Kontakt kamen wir mir dem District Six anhand einiger Videoaufzeichnungen, die meist im Rahmen der Fussballweltmeisterschaft 2010 von Journalisten gedreht worden sind. Es waren kurze Interviews mit ehemaligen Bewohnern des District Six, lange nach der gewaltsamen Umquartierung der Bewohner. Die Menschen erzählten vom Leben innerhalb des Quartiers, wo, gemäss den Interviewten, alle Hautfarben, Religionen, Altersklassen und Interessengemeinschaften wild durcheinander in Harmonie zu leben schienen: „We were like one family with no divisions between whites, Coloured people, Indians or African.“[1] Die Videoaufzeichnungen waren durchzogen mit positiven Erinnerungen. Das Leben im District Six schien perfekt gewesen zu sein. Diese starke Nostalgie liess uns den Erzählungen kritisch gegenüber stehen. Warum erzählen alle Bewohner dieselben Geschichten? Warum scheint das Leben vor der Apartheid durch und durch positiv gewesen zu sein? Wie können wir anhand mündlicher Aussagen, die alle dieselben zu sein scheinen, eine allgemeine Geschichte des Districts eruieren? Diese Fragen haben wir uns von Beginn an gestellt. Jedoch noch viel entscheidender scheint uns die Frage nach der Rolle des District Six Museums in der Traumabewältigung der Opfer. Was ist sein Beitrag zur Überwindung dieser schwerfälligen und traumatisierenden Erlebnisse?

Der Text „Trauma and memory“ von Henry Trotter bestätigt unsere ersten Eindrücke, welche wir von den Videoaufnahmen hatten. Auch er schreibt: „Over the past four decades, the constant circulation of these nostalgic stories has developed a narrative community among coloured removees in the townships.“[2] Aber was ist der Grund für diese Erzählungen, die sich alle sehr ähnlich anhören? Wie kommt es dazu? Wir haben uns über diese Fragen Gedanken gemacht und sind zum Schluss gekommen, dass es etwas mit der Verarbeitung von Geschehenem, mit der Überwindung des Traumas, zu tun haben muss. Auch wir beobachten in unserem Alltag Situationen, die uns leichter fallen, wenn wir sie mit jemandem teilen können — und dass beim Erzählen von Vergangenem häufig idealisiert wird. Trotter erwähnt Ähnliches in seinem Bericht: „Their shared experience of dispossession bonded them as they struggled with to make sense of their altered situation. They grieved and gossiped together […]. They also commemorated their destroyed communities, sharing with one another beautiful memories of their cherished pasts.“[3]

Aus menschlicher Sicht sind diese Vorgänge nur allzu verständlich und nachvollziehbar. Als HistorikerInnen müssen wir diese jedoch kritisch betrachten. Wie glaubwürdig sind diese Geschichten? Auch wir als Gruppe sind uns einig, dass man die Aussagen der ehemaligen District Six Bewohner durch eine Brille betrachten muss, welche die Nostalgie abschwächt. Es ist anzunehmen, dass die Gesellschaft mit Konflikten konfrontiert worden sein muss, wie gross waren diese

aber im Vergleich der Geschehnisse der Umquartierung? Vermutlich sehr gering, in den Hintergrund tretend gering. Ein kollektives Trauma lässt die Traumatisierten zusammen stehen und stärkt die Verbindung und das Gefüge untereinander.

Was war nun der Beitrag des District Six Museums zur Verarbeitung dieses kollektiven Traumas? Chrischené Julius erzählte uns im Interview, dass bei der Eröffnung des District Six Museums 1994 eine Plattform entstand, auf welcher sich die Opfer zum ersten Mal besprechen und austauschen konnten. Das District Six Museum war der Türöffner für das Gespräch über die Zwangsumquartierung, die Apartheid, Rassismus und den persönlich erlittenen Verlust. Es trug aktiv dazu bei, dass es auch in anderen betroffenen Gegenden zu einer mutigen Bewegung kam, persönliche Erlebnisse öffentlich zu machen und mit der Gesellschaft zu teilen. Die genannten Themen wurden nicht länger tabuisiert, sondern konnten angesprochen werden. Dieser Aspekt unterscheidet das District Six Museum und deren Geschichtsschreibung ganz klar von anderen Museen. Das Ziel ist nicht eine wissenschaftlich allumfassende Geschichtsschreibung, sondern das Ziel ist es, die Geschichtsschreibung mit den Opfern, den Angehörigen und den ehemaligen Bewohnern zu schreiben und ihnen die Möglichkeit zu bieten, angehört zu werden.

Über die Jahre bot das District Six Museum die Gelegenheit über Themen zu sprechen, welche nicht direkt mit dem Museum in Verbindung standen und half so, eine neue Demokratie zu schaffen.

Für die Geschichtsschreibung Afrikas und folglich auch für das District Six Museum ist die Oral History ein fester Bestandteil. Die Oral History ist jedoch umstritten, einige universitäre Geschichtswissenschaftler sehen darin sogar eine Bedrohung ihrer Arbeit in Südafrika. Patrick Harries sieht darin die Gefahr, dass sie der klassischen Herangehensweise an die Vergangenheit trotze und sich zu einer “feel-good history” entwickelt.[4] Ciraj Rassool, Professor an der University of the Western Cape und Patron des Museums, wendet dagegen ein, dass Begriffe wie “Fakten”, “Wahrheit” und “Realität” soziale Konstrukte und folglich weitab von absolut seien. Deswegen sei es nicht korrekt, klassische universitäre Geschichtsschreibung einfach als überlegene Disziplin zu betrachten. Vielmehr plädiert er für eine Gesellschaftswissenschaft historischer Produktion, sowohl universitär als auch im öffentlichen Bereich.[5] Dieses Spannungsfeld kennt auch das District Six Museum, da dort hauptsächlich mit letzterer Art von Geschichtsschreibung gearbeitet wird. Wir haben deshalb mit Chrischené Julius über die Kritik an der Oral History gesprochen. Historikerin Julius ist sich der Kritik der einseitigen Geschichtsschreibung im District Six Museum durchaus bewusst; sie betonte, dass bei der Einrichtung der Dauerausstellung der Fehler begangen wurde, dass negative Alltagsgeschichten nicht thematisiert wurden. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass die Oral Histories im Museum sich kritisch mit dem Leben im District Six auseinandersetzten. Ausserdem ist, wie schon erwähnt, der klassisch historische Zugang zur Vergangenheit weder Ziel noch Anspruch des Museums.

Julius machte uns darauf aufmerksam, dass viele Touristen mit einem bestimmten Bild über die südafrikanische Geschichte das Land besuchten. Ihr Bild ist geprägt von der Apartheid, der Viktimisierung der Schwarzen durch Afrikanische Nationalisten, und in den meisten Museen, zum Beispiel auf Robben Island wird den Besuchern auch diese Geschichte Kapstadts erzählt. Julius sagt, dass das District Six Museum hier bewusst eine andere Geschichtserzählung bieten will, die weniger die Opferrolle als gegebene Tatsache betont, sondern vielmehr den Diskurs der Bewohner während dieser Zeit wiedergibt, und so für ganz Südafrika ein Fenster bietet, durch welches über die traumatischen Geschehnisse der Vergangenheit gesprochen werden kann.

Wir haben uns als Gruppe auch gefragt, ob das D6M noch einmal fähig ist, zwei weitere Dekaden zu überstehen. Das Museum lebt primär von den Geschichten, welche während der Apartheid entstanden sind, und die meisten von ihnen wurden bereits erzählt und archiviert. Das düstere Kapitel der Apartheid ist gesehen seit 1994 vorüber. Wir prognostizieren, dass dem District Six Museum in der nahen Zukunft das Material, beziehungsweise der Gesprächsstoff, ausgehen wird und darin liegt die grosse Problematik. Ein zusätzlicher Aspekt sind die Investoren, von denen viele in den letzten Jahren abgesprungen sind. Im Jahr 2011 beendeten grosse Investoren, wie Mott und Ford, ihre Unterstützungsgelder. Seit dann erhält das Museum nur noch Gelder von Projektzuschüssen und der Umsatzgenerierung.[6]

Wir stellten ihr folgende Frage: “How do you see the museum and its development in the next 20 years?” In ihrer Antwort ging sie auf verschiedene Aspekte ein. Angefangen mit den obligatorischen “education programs”, welche für Schulkinder einen Besuch im Museum vorschreibt. Es sei ein wichtiges Fundament für die Gemeinschaft, die bereits besteht und auch in Zukunft weiter aufrecht erhalten werden soll. Sie betont weiter, dass die Bewohner, welche während der Apartheid in Homelands zwangsumgesiedelt wurden, ein Platz im District Six erhalten sollen. Es bestehen bereits 144 Häuser, in welchen Ex-Residents leben. Jedoch sei das “land claim” eine politische Angelegenheit und keine Aufgabe des District Six Museums. Sie erwähnt auch: “Our vision is not become an exhibition space. We want a work and it’s happening now. We want a work to be happening with people on the side. It is oral history.” Anhand dieser Aussage ist die enge Zusammenarbeit der Arbeiter des District Six Museums und der “ex-residents” ersichtlich. Im Interview sprach Chrischené Julius oft an, dass das District Six Museum kein gewöhnliches Museum sei. Es fungiert als eine Art Community, wo sich die Leute treffen, Geschichten austauschen und eine neue Gruppenkohäsion entsteht.

Fazit

Als Gruppe waren wir skeptisch, ob das District Six Museum noch zwanzig weitere Jahre bestehen kann. Wir hatten Bedenken, dass das Museum seinen Einfluss und seine Relevanz nicht aufrecht erhalten kann. Denn wir hatten den Eindruck, dass es mehrheitlich auf nostalgischen Geschichten der Vergangenheit aufgebaut ist. Während unserem Interview und mit dem Auseinandersetzen der Thematik wurde uns aber bewusst, dass das Museum eine Vision verfolgt und seine Rolle in der Community gesichert ist. Uns wurde auch klar, dass viele unsere Bedenken über das District Six Museum davon stammen, dass wir bei Museum an die uns bekannte westliche Institution dachten. Von dieser weicht das District Six Museum weit ab.

[1] Trotter, Henry: Trauma and Memory: The Impact of Apartheid-Era Forced Removals on Coloured Identity in Cape Town

in Mohamed Adhikari (Hg.), Burdened by Race: Coloured Identities in Southern Africa (Cape Town: UCT Press, 2009), S. 54.

[2] Trotter, Henry: Trauma and Memory: The Impact of Apartheid-Era Forced Removals on Coloured Identity in Cape Town

in Mohamed Adhikari (Hg.), Burdened by Race: Coloured Identities in Southern Africa (Cape Town: UCT Press, 2009), S. 50.

[3] Ebd. S. 55.

[4]Harries, Patrick. From Public History to Private Enterprise: The Politics of Memory in the New South Africa. In: Historical Memory in Africa: Dealing with the Past, Reaching for the Future in an intercultural Context. New York/Oxford, 2010. S. 137.

[5] Rassool, Ciraj. The Rise of Heritage and the Reconstruction of History in South Africa. In: Kronos: Southern African Histories Vol. 26. 2000. S. 5.

[6] URL: http://pmg-assets.s3-website-eu-west-1.amazonaws.com/131022district6.pdf (Zugriff: 30. April 2016)