Von Landrechtreformen in Liberia, Filmen als geschichtswissenschaftliches Medium und Online Archiven

Dieser Text entstand im Rahmen einer Gruppenarbeit dreier Studierender im Proseminar „Innovationen aus Afrika“, HS 2017. Er befasst sich zwar im Gegensatz zu allen anderen Texten auf dieser Webseite nicht mit Südafrika, aber der Exkurs lohnt sich.

Harvard Expedition in Libera 1926

Die Harvard Expedition war ein von der Universität Harvard 1926 durchgeführtes Projekt, bei welchem ein Forscherteam nach Liberia gereist ist und die örtliche Situation im Hinblick auf Kautschukanbau analysiert hat. Hinter diesem Vorhaben stand die Firma Firestone, eine amerikanischer Reifenhersteller, welche eine Produktionsstätte in Liberia eröffnen und damit den Anbau des Kautschuks kontrollieren wollte. Das Harvard Team und Firestone hatten eine Abmachung, nach welcher die Forscher durch Materialien, Gelder und Transport unterstützt wurden, während im Gegenzug ihre Untersuchungen unter anderem auf das Vorhaben der Firma ausgelegt waren. Vor kurzem ist ein Film aufgetaucht, welcher während dieser Expedition gedreht wurde und deshalb als wichtige Quelle zu betrachten ist, insbesondere für die liberianische Bevölkerung, deren Archive und Aufzeichnungen grösstenteils durch die Bürgerkriege im Land zerstört wurden.

 

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  1. Um welche Art von Innovation ging es bei der Expedition?

Zuerst muss der Begriff Innovation grundsätzlich besprochen werden. So lassen sich kaum verschiedene Arten von Innovation aufzählen und anschliessend auf spezifische Themen anwenden. Dies gilt ebenso für den konkreten Fall hier, welcher nicht mit einem unkritischen Konzept der Innovation versehen werden kann. Viel eher müssen verschiedene Aspekte, die durch die Expedition verändert oder neu eingeführt wurden, einzeln betrachtet werden, um im Folgenden beurteilen zu können, ob es sich um Innovation handelt und wenn ja, in welchem Sinne. Diese Vorwegnahme ist wichtig, da man sonst wieder zur rigiden Vorstellung von Innovation zurückkommt mit welcher etwa technische Errungenschaften im Silicon Valley gemeint sind. Als letzter Punkt muss noch das Thema der Herkunft der Innovation kurz angetönt werden, da diese in der Betrachtung der Expedition eine tragende Rolle einnimmt. So muss gefragt werden, ob es sich um amerikanische Innovation handelt, welche nach Liberia exportiert wurde, ob die Innovation aus Liberia stammt bzw. zu liberianischer Innovation geführt hat.

Im Kontext der Harvard Expedition ging es in erster Linie um wissenschaftliche wie auch um unternehmerische Untersuchungen und Erkenntnis. Insofern brachte es Erkenntnisse für die amerikanische Wissenschaft, welche Feldforschungen durchführen konnte. Wissenschaftliche Forschung und Erkenntnisse an sich würde ich jedoch nicht als Innovation bezeichnen. Vielmehr wären neue, spezifische Methoden als innovativ zu bezeichnen. In diesem Zusammenhang könnte man die Verbindung von Forschung und Unternehmertum, welche bei dieser Expedition so stattgefunden hat, als innovativ bezeichnen, da dadurch neue Möglichkeiten für beide Seiten erschlossen werden konnten, was zu einer win-win Situation führte. Der Unternehmerische Aspekt beinhaltet die Integration der Primärproduktion der Rohstoffe, wobei dies klar nachvollziehbaren und damals schon bekannten ökonomischen Interessen zuzuschreiben ist, weshalb ich hier nicht von Innovation sprechen würde.

Was aber die Expedition für Folgen für Liberia hatte, lässt sich nun aber besser in unser Seminarthema integrieren. So hat die Harvard Expedition die Umwelt in Liberia radikal verändert und gleichzeitig neue politische Fragestellungen aufgeworfen[1]. Durch die Konzessionsrechte von Firestone und aufgrund des anschliessenden Anbaus von Monokulturen, wurde die Bevölkerung ihres Bodens und ihrer Subsistenz beraubt und musste umgesiedelt werden. Hier wäre der Punkt, um nach Innovationen zu suchen, welche aus der liberianischen Bevölkerung als Reaktion auf die veränderten, äusseren Umstände zu erwarten wären. Der Film und die Literatur lassen aber nicht auf bedeutende Neuerungen schliessen, abgesehen davon, dass durch den Marktzugang Liberias[2], sich die Bevölkerung stärker wirtschaftlich orientierte und cash crops anzubauen begann.

Dennoch scheint durch die Expedition ein Stein ins Rollen gebracht worden zu sein, mit dessen Folgen sich die liberianische Eliten noch immer herumschlägt. Denn exakt die Idee des privaten Landbesitzes war es, welche zu Beginn überhaupt keine rechtliche Resonanz in den lokalen Gemeinschaften hatte[3], die Liberia grundsätzlich verändert hat. Zwar wurde der Vertrag mit Firestone als langfristiger Pachtvertrag anstatt einer Übertragung des Eigentums verstanden[4]. Die heutige Praxis zeigt jedoch eine andere Realität auf, da sich viele Gemeinschaften um den von ihnen bearbeiteten Boden sorgen. Dies stellt die Gesetzgeber vor die grosse Aufgabe, die Bodenrechte des Landes grundsätzlich zu überarbeiten und reformieren. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, ist insbesondere die Aufarbeitung der Geschichte Liberias notwendig, was aber durch die vom Bürgerkrieg verursachte Zerstörung stark erschwert wird. Die historiographischen Aspekte des Themas werden aber später im Text behandelt, weshalb hier nicht weiter darauf eingegangen wird.

Zusammenfassend muss also beachtet werden, dass es schwer ist, allgemeine Aussagen über die Art von Innovation der Harvard Expedition nach Liberia von 1926 zu machen. Der Aspekt der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Unternehmertum ist klar als innovativ hervorzuheben. Gleichzeitig sticht auch hervor, dass die Expedition einige zentrale Umbrüche und Neuerungen nach Liberia gebracht hat, welche die Bevölkerung vor grosse Aufgaben gestellt haben und bis heute spürbar ist.

  1. Online Archiv: Was ist neu an der Aufarbeitung der kolonialen Quellen?

Um Landrechte in Liberia zu etablieren, sind unterschiedliche Formen der historischen Forschung nötig[6]. Viele Liberianer sind motiviert ihre Geschichte aufzuarbeiten und sie möchten die mündlichen Traditionen und die Archivquellen verwenden. Einige davon sind vor kurzer Zeit zugänglich gemacht worden[7]. Die Quellen aus dem Archiv helfen ihnen ein gerechtes System der Landrechte in Liberia zu erstellen[8]. In dieser Hinsicht unterstützen CAMP und the Title VI National Resource Centers for Africa von 2004 bis 2013 einige Projekte unter der Leitung von Indiana University, um unterschiedliche Materialien mit Bezug auf Liberia wiederherzustellen und zu erhalten[9]. Diese Projekte machen wichtige Dokumente AkademikerInnen und Liberia-interessierten zugänglich [10]. Die Quellen dienen folglich nicht nur der historischen Forschung sondern auch der Verbesserung der Landrechte und gerechteren Besitzverhältnisse in Liberia.

Durch die mangelnden Vorkommnisse von Quellen und Forschungseinrichtungen in den Ursprungsländern sind solche externen Quellen und deren Aufarbeitung unersetzlich.

(Durch die Einteilung wurden Quellen kreiert, die den Ausländern Dominanz “legitimieren”[11]. The Land Beneath Our Feet muss gelobt werden, da der Film diese Dominanz nicht erlaubt hat[12]. Der Film ist tatsächlich auch eine lesbare und informative Quelle, die aber die Geschichte und die Rechte nicht definiert[13]).

Ein zweiter wichtiger Punkt der Quellenbearbeitung ist die geänderte Richtungsweise der Forschung. Durch Filme wie The Land Beneath Our Feet wird es möglich, von der strikten kolonialen Perspektive auch eine Forschung aus der Perspektive der Liberianer oder anderer kolonialisierten Kulturen zu betreiben. Dieses Bestreben ist in den letzten jahrzehnten stärker geworden und wird heutzutage verbreiteter praktiziert. Neutrale Quellen und informative Aufnahmen sind dabei unersetzlich, wobei sich neutral hier auf die Perspektive des Mediums bezieht und keinesfalls auf das Medium Film im Allgemeinen.

 

  1. Geschichtsschreibung und Film: Was für historiografische Innovation ist erkennbar?

Image: https://i2.wp.com/sfbff.org/wordpress/wp-content/uploads/2017/05/The-Land-Beneath-Our-Feet.jpg?fit=720%2C1000 (25.1.2018)

Afrika hat eine starke orale Tradition[14]. Der Film bietet für die nachfolgenden Generationen eine neue Betrachtungsweise der Geschichte von Liberia (Innovation). Auf diese Weise ermöglicht der Film einen anderen Zugang zu Erinnerungen und Gesprächen dieser Zeit und dadurch einen Einblick in das Leben der Liberianer_innen[15]. The Land Beneath Our Feet bietet die Möglichkeit für die Zuschauer ein anderes Bild von Liberia zu sehen. Die Thematik erstreckt sich nicht nur über Krieg, Gewalt und Krankheit, sondern auch über die Schönheit der Landschaft und die Bedeutung des reichen kulturellen Erbes des Landes [16]. Außerdem kann man einerseits den Kampf für die Gemeinschaftsrechte der lokalen Bevölkerung und andererseits um den Zugang zu Land zu erhalten sehen. Die globalen wirtschaftlichen Kräfte drängen auch in Liberia in Richtung Privatisierung [17]. Der Film erlaubt den LiberianerInnen, diese Geschichte persönlich, visuell und evokativ zu erzählen[18].

Filme als Medium der Geschichtsforschung werden immer wichtiger. Die Verbindung von Visuellen Medien, bewegten Bildern und Ton sind ein Füllhorn an Informationen.

 

[1] The Land Beneath Our Feet. Directed by Sarita Siegel and Gregg Mitman. Alchemy Films, 2016. In: Jacobs, Nancy J.: Environmental History, Vol. 22/ 2 (1 April 2017), S. 333–336.

[2] Environmental History, Vol. 22/ 2 (1 April 2017), S. 333–336.

[3] Environmental History, Vol. 22/ 2 (1 April 2017), S. 333–336.

[4] Environmental History, Vol. 22/ 2 (1 April 2017), S. 333–336.

[5] Environmental History, Vol. 22/ 2 (1 April 2017), S. 333–336.

[6] Environmental History, Vol. 22/ 2 (1 April 2017), S. 333–336.

[7] Environmental History, Vol. 22/ 2 (1 April 2017), S. 333–336.

[8] Environmental History, Vol. 22/ 2 (1 April 2017), S. 333–336.

[9] URL: https://www.crl.edu/area-studies/camp/related-projects/african-archives/liberia (01.12.17).

[10] URL: https://www.crl.edu/area-studies/camp/related-projects/african-archives/liberia (01.12.17).

[11] Environmental History, Vol. 22/ 2 (1 April 2017), S. 333–336.

[12] Environmental History, Vol. 22/ 2 (1 April 2017), S. 333–336.

[13] Environmental History, Vol. 22/ 2 (1 April 2017), S. 333–336.

[14] Mitman, Gregg: The Land Beneath Our Feet: Filmmaking and History in Liberia. In: The Past in The Present (2016), S. 6.

[15] Mitman, The Land Beneath Our Feet, 2016, S. 6.

[16] Mitman, The Land Beneath Our Feet, 2016, S. 6-7.

[17] Mitman, The Land Beneath Our Feet, 2016, S. 6-7.

[18] Mitman, The Land Beneath Our Feet, 2016, S. 6-7.